04 Apr

QuarantäneText auf 10 alten Schallplattenhüllen

digtal transkribiert:

Bin ganz eingenommen von der Schreibunterlage. Habe alte Schallplattenhüllen der Art zerschnitten, dass ich sie aneinander kleben konnte. So entstanden mehrere Quadratmeter an alter grauer Pappe in unterschiedlichen Farbabstufungen. In der Stereoanlage laufen die neuen Beats für`s neue Album. Untergrund ist Schriftstück. Wird Geschichte Stück für Stück. Wort für Wort.

Im Takt der Musik winden sich Gedanken über die feinen Haare des Pinsels auf eine Landschaft aus Zellulose, die mehr als 30 Jahre ihr Dasein fristete, gestapelt in feuchten Kellern. Die Rückseite der Medaillen dieser Zeilen sind Starportraits von Nana Mouskouri, Bach und Beethoven. Allesamt Bastelvinyl für gerade solche Momente. Wenn Begriffe heraus gekitzelt werden durch die Geschmeidigkeit des Schreibgerätes. Das unaufhörlich immer wieder in Wasser getunkt sein will.

Dabei werden auch Blockaden einfach in Wasser gelöst. Vermengt mit braunen Farbpigmenten manifestiert. Im Generierungsprozess immer zu, fortwährenddessen Gefühle vernehmen. Eingefrorene Blicke, wenn ich das Datum notiere. Schockstarre und Fluchtreflex gleichermaßen. In der Mitte des März 2020. Wer malt sich die Postcoronazeit aus? Wollen wieder alle auf Wachstum setzen? Wie lange wollen wir noch die „Snooze-Taste“ drücken, bevor wir endlich aufwachen?

So viel Unverständnis. Bleibt nur, kleine positive Tendenzen weiter wahr zu nehmen! Zwischenmenschliche Gesten der Freundlichkeit, wohlgesonnen. Ungeübtes Lächeln erstrahlt noch viel heller!

Bis dann, am Tag darauf, Schreibszenerie eine völlig andere ist. Sonnenstrahlen fallen durch`s Fenster. Frühling klopft sachte an. Die „Schön und gut-Instrumentals“ vom neuen Album von AzudemSK wabern hinein in Kulisse. Das mit braun gefärbte Pinselwasser befüllte Whiskeyglas hatte über Nacht darauf gewartet, Convulsionsspender für Wasser und Farbpigment zu sein. Wäre irrtümlich beinahe zur Erfrischung den Schlund hinunter gekippt worden. Auf Konditionierung getrimmte Areale im Hirn hätten den Autoren dieser Zeilen fast verleitet. Aber, bin manchmal zum Glück mehr als Gewohnheits- und Hordentier! Kann dann ab und an reflektieren. Ein spiel aus Spiegel und Sonnenlicht für Prozesse jenseits der Biologie. Nur im bildlichen Denken Maden und Würmer im Geist untergemischt. Ausgesetzt, um um zu pflügen zu Boden voller Nährstoff.

Wenn mein Schreiben dann einem Fruchtbarkeitstanz gleich kommt. Fern ab von Zeiten, in denen das Bedienen eines poetischen Stiftes einzige Möglichkeit wären, dem Wahnsinn Depression und Manie ein Schnäppchen zu schlagen. Einziger Halt für den Geist! Als ich beschwert war, mich aber nicht beschwerte. Ich selbst habe meinen Wortschatz wieder gefunden, anhand einer inneren Schatzkarte. In der Epigenetik verankert. Der Drang nach Worten all meiner Ahnen. Geschichten der Urmenschheit in Quarantäne herauf beschworen. „Triage“- Retten, wer zu retten ist? Keine ist herdenimmun. Panik noch nicht. Aber, fast kindlicher Trotz. „Und die Welt steht still.“ Auf noch nicht ab zu sehende Zeit.

Meine vier Wände, in dessen Mitte die Schreibunterlage so groß ist, dass ich auf ihr dieser Tage mein Leben lebte. Auf den Hüllen von 10 LP`s halte ich meine Eindrücke fest. Imprägniere den Moment für kommende Zeiten. Zeitzeugendasein.

Morgen dann also Traufeier ohne Trauzeugen. Nur unsere Eltern, meine Liebste und ich, für den schönsten Moment. Schön, eine Komplizin zu haben. „Partners in crime“ mit guten vibes.

Grundversorgung durch geteilte gute Bauchgefühle. Wenn der Tag X einen wunderschönen Tag Ypsilon zur Folge hat. Für immer wird der 20.3.2020 besonders bleiben. Genau so, wie der seit Jahren wieder erste Text von mir, der auf Beat geschrieben ist, und wie folgt klingt:

„Vierzeiler im Viervierteltakt. Meilensteine im rhythmischen Akt. Im mystischen Trakt.

Der abstrakten Zyklen vertrackt. Absätze ad acta. ZeilenSätze wie Schätze, tief geschürft wie der Mahatma. Verquerte Geradlinigkeiten, die hier gerade verleiten. Für Zeilen, in Vierzeilern in Viervierteltakten. Vom Rever zum Revier, schwebt der Geist vom RevolTier. Freilebend jenseits von Gehegen. Hegen behaglich Pläne vom Plan beilegen. Bleibt loslegen!“

Wieder von Kaffee zu Kaffee. Von Zigarette zu Zigarette. Zwischendurch dann immer wieder mal was Lyrisches. Bis dieser Text allein in physischer Größe, ein Mehr an Gestalt annimmt.

Mittlerweile 2 Quadratmeter an bräunlich gepinselten Buchstaben. Dieses über dimensionierte Textblatt in Plattenform war und ist in der Zeit von Corona der „Teppich“ in meinem Zimmer. War mir Boden für Füße und Grundlage zum Ausdruck meiner Gedanken. Bald wird er die Wand in unserem „Lesesaal“ schmücken. Dem „Cafe Lating“, in dem sogar, bei gekipptem Fenster, geraucht werden darf. Dieses ist mein „CoronaExil-Cafe“, da der Cafebesuch in der Öffentlichkeit ja leider nicht mehr möglich ist. So, noch kurz vor der Ausgangssperre, zumindest in diesem Bundesland NRW. Keine Conclusio, nur eine vage, schüchtern, zuversichtliche Voraussicht auf kommende Zeiten. Was wird noch so bleiben, wie es war? Welche Ausmaße können noch kommen? Für wie lange? Mir bleibt die Widmung hin zum Kreativen. Als staatlich irgendwann einmal anerkannter Ergotherapeut habe ich zum Glück einen schier unerschöpflichen Vorrat an Bastelmaterial in sämtlichen Stauräumen meines Zimmers sowie im Keller. Eine Vielzahl an einzelnen Buchstabentasten aus alten ComputerTastaturen, kiloweise Gips und ModelierMasse, drei Packungen Kleister und ganze Jahrgänge an Zeitungen, verwertbare Holzreste gesammelt vom Sperrmüll warten auf Verwendung, noch leidenschaftslos im Keller. Ein neues Selbstverständnis: Wenn mir klar wird, dass ich Künstler bin, werden Lebenswege klarer. Was Wirrungen waren, geglättete Wogen von nun an, fortwährend. Klare Bergseen mit Sicht bis auf den Grund. Als schaute ich durch ein Mikroskop auf mein eigenes Rückenmark. Kann Essenzen erkennen. Innerer Kompass an Ketten am Hosenbund. Nicht zu verlieren. Auch, wenn diese Hose ab und an aus der Wäsche kommt. Der Sticker „Bildet Banden“ ist für mich nun mehr als ein bild. Gemeinsames Lebensgefühl im Windmühlenstruggle vereint mit verehelichter Komplizin. Meine liebste Fliegenpilzprinzessin. Sie wird auch diejenige sein, die diesen Text als Erste lesen wird. Bis irgendwann, nach Jahren, unsere Hirne der Art verknüpft sind. Symbiose, als sei es ein Organ. Zusammen denken wir die schönsten Gedanken. Schreiben die schönsten Geschichten. Fühlen und teilen erhabenste Gefühle. Hier in unserer Parzelle von 70-80 Quadratmetern nahe „Klein Muffi“. Richten uns ein, ohne kleine Stöckchen im Mund. Trotzdem gemächlicher Nestbau. Darum dieser besondere Platz für meine bisher „größten“ Zeilen, die an einem Stück geschmiedet wurden. Gehalten von vielleicht acht Heftzwecken, die Halt zu geben vermögen. Auf immer Zeitzeugnis dieser besonderen Zeit. Entstanden innerhalb von drei Tagen, in denen ich versuchte, gleichzeitig zu „über -“ und nach „innen“ zu blicken.

03 Apr

Buchrezension von der Initiatorin der Poetry Partys in Münster – Renate Rave-Schneider

Vor einigen Wochen wartete Münsters Lit-und Poetry-Szene ganz gespannt auf das Druck-Erzeugnis „Lyrikkeller“ , den man tatsächlich ab seinen Anfängen am Hansa-Ring zwecks Lauschen von Poetry Slams mit passender Music besuchen konnte, später auch an wechselnden Orten. Doch immer dabei war und ist Andi Substanz Markenzeichen: Eine klapprige Schreibmaschine, auf der dieser Substanz Texte auf Zuruf kreiert.

Das nun vorliegende Werk mit 122 Titeln aus der Feder von Andi Substanz plus Vorwortvon ihm spiegelt das Live-Poetry-Geschehen des Lyrikkellers exzellent wieder. Nehmen wir zum Beispiel den Text „Yin und Yang“: Besser ist das Innere des Zwingers in Münster nicht zu beschreiben: Die dunklen Schemen der Vergangenheit, „die grünen Büsche in den Zwischenräumen der Mauern, in denen Singvögel brüten“, Zitat von Seite 94. Andi Substanz ist ein politischer Mensch, ein begegnungs-orientierter Mensch mit Freude an sozio-kultureller Interaktion, das kommt in vielen seiner Texte zum Ausdruck. Er erhebt gar nicht erst den Anspruch geschliffene Lyrik zu formulieren und ist gerade deshalb klar, strukturiert und dennoch immer wieder überraschend.

Mit dem „Lyrikkeller vor Ort“ war er mehrfach im Zwinger, teilweise gemeinsam mit Gast-Autorinnen und betätigte auf seiner Schreibmaschine „Buchstabentasten gegen das Vergessen“, siehe Seite 104. Er saß mit seiner Apparatur auf dem noch menschenleeren Hamburger Rathausmarkt, worüber er schrieb: „Vereinzelt mümmeln sich Menschen herum. Einer ist sogar schon auf mich aufmerksam geworden. Resultat ist ein kleines Liebesgedicht für Iris. Zu einem Preis, der ungefähr dem Wert eines großen Kaffees in den Cafés dieser Stadt entspricht. Er ist also Akteur und Betrachter gleichzeitig, wie in so vielen Texten und das erzeugt einen gewissen „Chill“, man sieht sozusagen die Schwäne in den Fleeten der benachbarten Alster-Arkaden, man riecht förmlich den nächsten Passanten, der gleich bei ihm stehen bleibt.

Das, was er seine klapprige Schreibmaschine ausspucken lässt, spricht direkt die Sinne an, so in Amsterdamimpressionen, wo eine Dreijährige, auf ihrem gelben Kleid den grünen Schriftzug „Warrior“ trägt.Dieses Bild bleibt haften genauso wie die Jukebox in „Eine Liebe“, wo man zu Bob Marleys Musik Peace-Zeichen aufblitzen sieht.

Fotos, Zeichnungen; Karikaturen untermalen und unterstreichen das Geschriebene, von dem sich wirklich sagen lässt: Gelungen!

Von Renate Rave-Schneider, Begründerin der Poetry Parties in Münster 1996, Radio-Moderatorin und Produzentin im MFM Münster seit 2015 und seit 2018 Veranstalterin des Albachtener Bücher-Plausches…http://story-schatzkiste-rave-schneider.de/

Lyrikkeller Buch

Lyrikkeller Buch

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